Starke Frauen in Quedlinburg – Ottonische Herrscherinnen

Wenn es um Frauen in Führungspositionen geht, denkt man eher nicht an das Mittelalter. Und auch nicht unbedingt an ein beschauliches Städtchen in Sachsen-Anhalt. Dabei lebten im 10. Jahrhundert in Quedlinburg erfolgreiche Frauen. Die Ottoninnen – Vorreiterinnen der Frauenbewegung?

Die weibliche Seite des Mittelalters

Wenn ich mich entscheiden könnte, ob ich lieber in der heutigen Zeit leben oder einen Abstecher ins Mittelalter machen möchte, würde ich mich für „Jetzt“ entscheiden. Das hat einfache Gründe. Damals war die Rolle der Frau klar umrissen. Mütterlich, gefühlsbetont, gläubig. Sich um die häuslichen Pflichten kümmern, eventuell noch schön aussehen. Das war es dann auch. Dass Frauen ihre eigenen Träume und Ziele verwirklichten, war nicht vorgesehen. Während es heute für Frauen auch nicht immer einfach ist, ihr Leben als Unternehmerin, berufstätige Mutter oder Künstlerin zu gestalten, so ist es doch leichter möglich und gesellschaftlich akzeptiert.

Die patriarchalischen Strukturen des Mittelalters zu durchdringen, war schwierig bis unmöglich. Schon im Kindesalter wurde für Frauen entschieden, ob und wen sie heirateten oder dass sie ihr Leben Gott zu widmen hatten.

Mathilde von Quedlinburg – eine starke Frau, die ihre Möglichkeiten ausschöpft

Letzteres betraf Mathilde von Quedlinburg, der 966 die Leitung des hiesigen Damenstifts übertragen wurde. Die Elfjährige wurde die erste Äbtissin von Quedlinburg. Ihr Leben scheint vorgezeichnet, fremdbestimmt. Doch innerhalb der engen Mauern des Stifts entwickelte sich Mathilde zu einer Führungspersönlichkeit.

Quedlinburger Schlossberg mit Dom

Quedlinburger Schlossberg mit Dom

Sie löste Konflikte diplomatisch, aber bestimmt. Schenkungen verwendete sie wirtschaftlich für den Ausbau des Stifts. Und ganz nebenbei eignete sie sich aktuelles politisches Wissen an. Indem sie das Markt-, Münz- und Zollrecht für die Stadt erwarb, wurde Quedlinburg ein wichtiges Zentrum. Während ihre Familie sich um politische Schwierigkeiten in Italien kümmern musste, wurde Mathilde Stellvertreterin Ottos III. Mit Disziplin und Durchsetzungsvermögen erreicht die Äbtissin eine für Frauen der damaligen Zeit unübliche Machtposition.

Adelheid die Heilige – Wegweiserin der Frauenbewegung

Adelheid die Heilige

Adelheid die Heilige

Adelheid von Burgund, Mathildes Mutter ging noch etwas offensiver vor. Als sie zu ihrer zweiten Heirat gezwungen werden sollte, mobilisierte sie den Gatten ihrer Wahl, Otto I. Dieser eilte ihr zur Hilfe. Mit ihrer Heirat legten Otto und Adelheid die Grundlage für das spätere Imperium Romanum, für beide Eheleute eine politische und persönliche Win-Win-Situation.

Als ihr Sohn Otto II. überraschend verstarb, wollte Adelheid die Macht nicht aus der Hand der Ottonen geben. Sie setzte sich gemeinsam mit ihrer Schwiegertochter gegen die Ansprüche der männlichen Verwandten durch. Der dreijährige Enkel Otto III. wurde Thronfolger, die beiden Frauen übernahmen gemeinsam die Regentschaft bis zu seiner Volljährigkeit. 962 wurden Otto I. und Adelheid zu Kaiserin und Kaiser gekrönt. Kaiserin Adelheid ebnete den Weg als erste Frau, die nicht im Rahmen des Klerus Macht erlangte, sondern gemeinsam mit ihrem Ehemann regierte.

Adelheid und Mathilde – moderne Frauen ihrer Zeit

Wenn ich mir die Geschichte anschaue, denke ich, dass wir von den ottonischen Frauen noch einiges lernen können. Sie waren – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – durchsetzungsfähig, willensstark und modern. Heute haben wir die scheinbare Gleichstellung von Mann und Frau erreicht. Doch Vorurteile über Frauen in leitenden Positionen und als Chefinnen von Unternehmen halten sich. Die Geschichte der ottonischen Herrscherinnen ist ein gutes Beispiel dafür, dass Erfolg nicht vom biologischen Geschlecht, sondern vom Menschen und seiner Geisteshaltung abhängt.

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